There is hope

Kurzgeschichten

Der Abschied

Die Sonnenstrahlen kitzeln ihr Gesicht. Langsam öffnet sie ihre Augen. Noch etwas orientierungslos schaut sie sich in dem Zimmer um. Alles sieht noch so aus wie immer. Sogar der zusammengelegte Kleiderstapel liegt noch auf der Kommode. Nichts erinnert an die gestrigen Ereignisse.

 

„Nein...nein...,“ tränenüberströmt sinkt sie in sich zusammen. Ihr Vater versucht sie noch festzuhalten. Vergeblich. Ihr Gesicht ist leichenblass. Sie zittert am ganzen Leib, kann kaum atmen. „Sie...sie.. war doch eben noch da...! Nein...das kann nicht sein..!“

 

Noch etwas benommen steigt sie aus dem Bett. Ihre Füße sind kalt. Erst jetzt bemerkt sie die unheimliche Stille, die sie umgibt. Kein Klappern aus der Küche, kein Staubsauger, der morgens schon läuft. Kein Lachen.

 

„Kind, beruhig dich doch!“ hört sie ihren Vater wie durch eine Schallmauer sprechen. Keine Reaktion.

 

Es war der 5. Januar, ich weiß noch als wäre es gerade erst gestern geschehen. Der erste Schnee war gefallen. Wie lang hatte ich darauf gewartet? Mama kam schon freudestrahlend in mein Zimmer, wusste sie doch wie sehr ich mich nach dem ersten Schnee gesehnt hatte. Eigentlich wusste sie sowieso immer, was ich wollte. Es war ein Samstag. Normalerweise sah man mich am Wochenende nie vor Mittag. Aber Mama wusste schon wie sie mich aus dem Bett bekam. Sie riss die Jalousien auf, setzet sich neben mein Bett und gab mir einen Kuss auf die Wange.  „Schatz, ich muss nachher noch mal los, was einkaufen.“ „Mhh.,“ murmelte ich noch etwas benommen.

 

Als ich so vor ihr stehe und sie dort liegen sehe, umschließt mich plötzlich ein ganz warmes Gefühl. Nur sie und ich sind in dem Raum. Ich fühle sie ganz nah bei mir. All die Tränen und die Trauer, die mich in den letzten Stunden gequält haben, der Gedanke mich nicht mehr von ihr verabschieden zu können, fallen wie eine Last von mir ab. Ich weiß in dem Moment, dass sie mich niemals alleine lassen wird. Eine Träne rennt noch über mein Gesicht. Ich beuge mich etwas zu ihr vor und streichle ein letztes Mal über ihre Wange. „Gute Reise, Mama,“ flüstere ich in ihr Ohr, bevor ich den Raum verlasse.

2 Kommentare 13.1.07 15:25, kommentieren

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Der Abgrund

Ich sehe in das unendlich tiefschwarze Loch unter mir. Ich stehe am Abgrund und rege mich nicht. Ein Schritt zu viel und alles ist vorbei.

Ich schließe die Augen. Atme langsam ein und wieder aus.

Ich spüre wie mein Körper sich nach vorne neigt. Ich strecke die Arme weit von mir. "Bald bin ich frei," sag ich mir selbst.

Ich nehme nichts mehr um mich wahr und bin in völliger Trance.

"Mama", eine Kinderstimme hölt mich plötzlich zurück in die Realität, zurück in mein Leben.

Ich umarme den kleinen, zierlichen Körper und denke daran, wie kurz davor ich war, den Menschen, der mich aus reinster Seele liebt, im Stich zu lassen.

2 Kommentare 13.1.07 14:54, kommentieren